Das achtspeichige Rad
Veröffentlicht von Andreas Sommer in Fantasy · 13 März 2026
Das achtspeichige Rad
Ein alteuropäisches Zeitkonzept
In der Zeit der Heiligen Tage im Jahresrad stehen die Tore offen. Dieser Satz taucht in den «Helisee»-Romanen immer wieder auf. Er beschreibt quasi einen Fahrplan für die Öffnungszeiten der Feenpforten, welche von der irdischen Welt nach Helisee hinüberführen. Es handelt sich dabei freilich nicht um eine fantastische Erfindung des Autors, sondern – wie im Falle vieler anderer Elemente der Romanreihe auch – um die Adaption realer Traditionen aus der Perspektive unserer Vorfahren.
Die Waldbauern im alten Europa waren auch nach der Christianisierung noch lange geprägt durch religiöse Vorstellungen und mythologische Konzepte ihrer keltisch-germanischen Ahnen. Denn die meisten Menschen lebten noch lange Zeit ausschliesslich von den Gaben des lebendigen Landes, sie waren Bauern und Hirten, Fischer und Jäger – und als solche auf die Gunst der Naturkräfte angewiesen. Da sie die Phänomene ihrer Mitwelt sehr genau beobachteten und aus den festgestellten Gesetzmässigkeiten den Willen der Götter deuteten, waren sie mit dem zyklischen Verlauf der wiederkehrenden Jahreszeiten tiefgründig vertraut. Das Werden und Vergehen, Erblühen und Verwelken, Wachsen und Zerfallen bildete die Grundlage ihres Daseins. Dass sich im Zyklus der Jahreszeiten auch astronomische Regelmässigkeiten abbildeten, war den Menschen seit undenklichen Zeiten bekannt - und sie schufen daraus ihre Zeitrechnung.
Das unablässige Kreisen der Jahreszeiten führte zu der Vorstellung des Zeitenlaufs als Ewiges Rad – und die zeitlichen Konstanten darin bildeten dessen Speichen; in vorgeschichtlicher Zeit waren es zunächst deren vier, später wurden daraus etwas differenzierter acht an der Zahl. Vorgegeben waren diese Stationen durch die beiden Sonnwenden zu Mittsommer (21.6.) und Mittwinter (21.12.) sowie durch die beiden Tagnachtgleichen (Äquinoktien) im Frühling (21.3.) und im Herbst (21.9.). Diese vier Tage bildeten das solare Kreuz innerhalb des achtspeichigen Rades. Ergänzend dazu kamen vier sogenannte Kreuzvierteltage, welche jeweils zwischen zwei solaren Ereignissen angesiedelt und anhand des Mondlaufs definiert wurden: Der zunehmende Sichelmond im Februar, der Vollmond im Mai, der abnehmende Sichelmond im August und der Neumond im November, die naturgemäss nicht auf ein fixes Datum fallen, sondern jedes Jahr variabel sind. Aus der Kombination von je vier solaren und lunaren Zeitpunkten ergibt sich ein Rad mit acht Speichen.
Da dieses Rad quasi die gesamte Wirklichkeit mit ihren Aspekten und ihrer rhythmischen Dynamik wiedergab, galt es als machtvolles geistiges Symbol, als magische Landkarte der vieldimensionalen Wirklichkeit gewissermassen. In den Hinterlassenschaften der antiken Völker Mitteleuropas finden sich viele entsprechende Darstellungen, beispielsweise in Form der sogenannten Rädchenamulette, die von Archäologen verbreitet an Opferplätzen oder als Grabbeigaben gefunden wurden. Entsprechend dürfte es nicht verwundern, dass dieses Symbol in der «Helisee»-Welt auch auf jenen beiden Feenmedaillons zu finden ist, welche in meiner Saga machtvolle Schlüssel für die Reise zwischen den Welten darstellen.
Jeder der im Rad festgelegten Jahreszeiten-Stationen wurden von unseren Altvorderen bestimmte Qualitäten, Prinzipien und Gottheiten zugeschrieben - und sie waren demnach mit rituellen Feierlichkeiten verbunden, welche die verschiedenen germanischen und keltischen Stämme in jeweils lokalen Abwandlungen begingen. Naturgemäss dürften sie sich in den verschiedenen Regionen jedoch sehr ähnlich gewesen sein, da sie ein archetypisches Geschehen im alljährlichen Drama des sich wandelnden Naturgeschehens versinnbildlichten. Aus diversen Rekonstruktionen (vor allem aus der keltisch-irischen Tradition) sind heute bestimmte Namen für die einzelnen Jahreszeitenfeste geläufig, zum Beispiel: Beltaine für das Maifest, Litha für die Sommersonnenwende, Samhain für das Ahnenfest im November.
Da ich im Kontext meiner Romane jedoch nicht über die irisch-gälische Kultur schreibe, sondern eine frühmittelalterliche und keltisch-helvetisch geprägte Vor-Schweiz nachzuzeichnen versuche, habe ich in Anlehnung an die bekannten Zusammenhänge neue Namen entworfen, die – soviel sei hier ausdrücklich gesagt – Eigenkreationen sind, zwar aus nachweisbaren Grundlagen hergeleitet, aber von mir neu benannt. Im «Drachenberg», welcher in der postkeltischen Ära des 6. Jahrhunderts angesiedelt ist, verwende ich für die Bezeichnung der acht Jahresfeste noch pseudo-gallische Namen. In der «Helisee»-Saga, welche vier Jahrhunderte später spielt, sind diese Namen bereits stark abgewandelt und der damaligen historischen Entwicklung entsprechend stellenweise etwas «alemannisiert».
Die nachfolgende Grafik bietet einen Überblick über das von mir adaptierte «Lebensrad» der alten Europäer mit den fiktiven Bezeichnungen aus dem 6. Jahrhundert («Drachenberg», Namen kursiv geschrieben) und dem 10. Jahrhundert («Helisee», Namen regulär geschrieben):
Gemäss der Anschauung unserer Vorfahren markierten diese acht Stationen nicht nur Übergänge und Höhepunkte der jeweiligen Jahreszeiten, sondern sie waren auch erfüllt von einer spezifischen Magie, welche jeweils die gesamte Natur durchströmte und die Grenzen zwischen den verschiedenen Ebenen der Wirklichkeit aufhob. Dieses archaische Konzept habe ich für meine Romane unverändert aufgegriffen: die Sphären fliessen an diesen «Heiligen Tagen» ineinander über – und dadurch können Durchgänge zwischen der irdischen Welt (Irdenlande), dem Feenreich (Helisee) und dem Dunklen Land (Aunnauîn) bewusst oder unbewusst begangen werden.
Diese Perspektive ist jedoch – wie gesagt – keine Erfindung von mir, sondern schlägt sich beispielsweise auch in unserer landläufigen Sagentradition nieder, wenn es in den alten Geschichten etwa heisst, «in der Nacht auf den 1. Mai trafen sich die Hexen, um ihrem gehörnten Meister zu huldigen» (=> Belden, Maifest) oder «an Allherheiligen offenbarten sich die Seelen der Verstorbenen und baten um Erlösung» (=> Samuîn, Ahnenfeier).
In direkter Übertragung der jahreszeitlichen Phänomenologie war jeder dieser Feiertage einer bestimmten Thematik gewidmet, deren Gesamtheit wiederum den stets sich wiederholenden Schöpfungszyklus beschrieb. Dem immerwährenden Kreisen von Werden und Vergehen, Leben – Tod – Wiedergeburt wurde so jedes Jahr von Neuem Schritt für Schritt nachgelebt. In welcher Form diese rituellen Feiern von den Gemeinschaften im alten Europa begangen wurden, ist wiederum Gegenstand der Interpretation. Ich habe mich an gängigen Rekonstruktionen und Schilderungen orientiert, aber zusätzlich meine eigene Imagination einfliessen lassen. Das Grundmuster der Motive ist jedoch durch die jahreszeitliche Analogie vorgegeben.
So stellt das achtspeichige Rad der alteuropäischen Tradition, das «Lebensrad», also nicht nur eine kalendarische Darstellung des Jahreslaufs mit seinen astronomisch durch Sonnen- und Mondbewegung vorgezeichneten Fixpunkten dar, sondern auch ein spirituelles Orientierungssystem, welches den Rhythmus der Schöpfungskraft, den Kreisfluss aller natürlichen Entwicklungsprozesse und letzten Endes auch die Wandelbewegungen der menschlichen Seele beschreibt.
Überaus interessante Betrachtungen zu diesen Zusammenhängen hat unter anderem die Naturtherapeutin Ursula Seghezzi angestellt; sie hat dieses Lebensrad aus dem Blickwinkel der heimischen Mythologie eingehend beleuchtet, die archetypischen Bilder unserer Sagen und Märchen den entsprechenden Stationen zugeordnet und daraus allgemeine Gesetzmässigkeiten von Transformationsprozessen formuliert. Ich habe vor vielen Jahren bei Ursula eine zweijährige Ausbildung (Transformation in natura) absolviert und mich bei der Umsetzung dieses alten europäischen Konzepts wesentlich von ihrer Arbeit inspirieren lassen.
Abschliessend zu diesem Beitrag wage ich zu behaupten, dass das Konzept des achtspeichigen Rades und die damit verbundenen Aspekte bei der Ausarbeitung meiner Romanwelt das grundlegende Orientierungssystem lieferten, da ich mich immer wieder auf die Jahreszeiten, ihre Phänomene und Kräfte, ihre Wirkung auf die menschliche Seele beziehe. Der erste Band der Helisee-Saga («Der Ruf der Feenkönigin») ist vom zeitlichen Handlungsrahmen her sogar exakt auf ein solches «magisches Jahr» (von Belden zu Belden) angelegt und spiegelt in seinem Plot die Dynamik und Qualitäten der durchlaufenen Stationen wider.
Es handelt sich bei den von mir so viel zitierten «Heiligen Tagen im Jahresrad» also nicht um ein Fantasieprodukt, sondern um ein uraltes europäisches Welt- und Lebensverständnis, eine naturbasierte Perspektive, welche auch in heutiger Zeit von jedem Menschen in der alltäglichen Beobachtung spielend leicht nachvollzogen werden kann. Denn wir sind auch angesichts unseres modernen Lebenswandels nach wie vor massgeblich von der Dynamik der jahreszeitlichen Wandelbewegung geprägte Wesen.
Vielleicht wohnt dem achtspeichigen Rad gar das Potenzial inne, so etwas wie eine innere Landkarte zu sein, welche in bewegten Zeiten des Umbruchs Kontinuität, Halt und Orientierung vermitteln kann.




