Elesîr – Ellezir – Helisee – Helvetia
Veröffentlicht von Andreas Sommer in Fantasy · 13 März 2026
Tags: fantasy, bertha, königin, sagen, gantrisch, andreassommer
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Elesîr – Ellezir – Helisee – Helvetia
Eine versunkene Stadt bei Schwarzenburg
Wesentliche Inspirationsquelle für die Erschaffung meiner Romanwelten ist immer wieder die heimische Sagentradition und Historie. Der Berner Altertumsforscher Albert Jahn schrieb zum Beispiel in seiner Studie «Der Kanton Bern, deutschen Theils, antiquarisch-topografisch beschrieben» im Jahre 1857:
«Keltische Alterthumsspuren zeigen sich wirklich beim nahen Dörfchen Elisried, welcher Ort, in diesem Kantonstheile, der höchste bis jetzt bekannte Punkt ältester Ansiedlung ist. Eine um die Mitte des vorigen Jahrhunderts niedergeschriebene Notiz meldet, dass nach einer alten Sage der dortigen Landleute hier eine Stadt, Namens Ellezir oder Ellzirum, gestanden habe, auf deren Rudera man noch beim Ackern stosze. Neuere, etwas gelehrter klingende Nachrichten lassen die Stadt Helisee, römisch Helisea, oder mehr helvetisch Hellikon geheiszen haben…»
Der malerische Bauernweiler Elisried östlich von Schwarzenburg liegt auf einer Hochebene (ca. 800m. ü. M.), die nach landläufiger Anschauung bis in historische Zeit einen kleinen See beherbergte und deshalb noch heute stellenweise stark vernässt ist. Jahn zufolge sind ansässige Bauern beim Pflügen im 19. Jahrhundert immer wieder auf Reste von Mauern und Pflästerungen, auf die Spuren eines kreisrunden Walles mit umlaufendem Graben, auf sogenannte Schanzlöcher (Spuren einer Belagerung?), Münzen, Keramikscherben und Ziegelfragmente aus antiker Zeit gestossen.
Gehäufte Gräberfunde veranlassten den Berner Archäologen und Bergbauexperten Edmund von Fellenberg in den 1880er Jahren zu einer ausgedehnten Grabung in diesem Areal, welche 99 (!) Grabanlagen mit reichen Beigaben zutage förderten. Die Funde wurden auf das burgundische Frühmittelalter datiert. Dass nach der Sage unter einem Ofenhaus in Elisried ein «König aus altvorderer Zeit» begraben liege, bestätigt ein Bericht Jahns, wonach «…unter einem Gewölbe, der Bestattete auf einem zwanzig Zentner schweren, gelben Stein ruhte. Zu seinen Füssen lag ein feiner, sanft anzufühlender blauer Sand.»
Solche Berichte regen meine Fantasie in höchstem Masse an, zumal wenn ich mit den topografischen Verhältnissen vertraut bin und mich vor Ort in geschilderte Situationen aus früheren Zeiten einfühlen kann.
Jedenfalls haben mich Jahns Angaben dahingehend inspiriert, die bis dato nicht näher erforschte versunkene Stadt östlich von Schwarzenburg zum Vorbild der «Toten Stadt» Elesîr zu erheben, welche in meinem Romanepos eine nicht unerhebliche Rolle spielt. Selbst an den im Volksmund überlieferten Namen dieser «sagenumwobenen Heidenstadt» habe ich mich angelehnt: Aus Ellezir/Ellzirum wurde demnach Elesîr. Das Dorf Helikum, welches in der Romanhandlung im 10. Jahrhundert von geflüchteten Bauernfamilien bewohnt wird, leitet sich natürlich von der keltischen Lesart «Hellikon» her.
Auch an der Überlieferung von der «Römerstrasse», die von Thun ausgehend durch das gesamte Üechtland, an Hellikon/Helisea vorbei, bis nach Aventicum geführt habe, wird selbst in wissenschaftlichen Kreisen hartnäckig festgehalten. Alte Relikte einer aufwendig angelegten Strassenspur durch den Sandstein der Sensechlucht wurden in der Torenöli westlich von Schwarzenburg freigelegt und restauriert. Auch diese «Romanenstrasse» oder «Alte Strasse» benutzen die Protagonisten der «Helisee»-Saga regelmässig.
Was nun den Namen «Helisee» anbelangt, so bezeichnet Jahn damit die zerfallene Stadt selbst. Andere Autoren, z.B. der Deutsche Heinrich Zschokke, welcher 1831 erstmals die lokale Sage um die Feenkönigin Helva und den Hirtenjungen Erni aufzeichnete, beziehen diesen Namen auf den verlandeten See nahe Elisried. Ich selbst habe mich für eine weitere Option entschieden und «Helisee» als Name für das andersweltliche Reich der Feenkönigin gewählt. Stichhaltige Argumente dafür liefert mir die Mythologie. «Hel» war bei den germanischen Stämmen (und womöglich auch bei benachbarten keltischen Völkern) der Name der Unterweltgöttin, welche in ihrem entrückten Paradies «Helheim» die Seelen der Dahingegangenen hütete. Sie hat vermutlich für die bekannte Frau Holle aus dem deutschen Märchenschatz Pate gestanden. Heute noch gebräuchliche Wörter der deutschen Sprache wie «Höhle», «Hölle», «Hehler», «verhehlen» leiten sich von dieser altvorderen Göttin her, welche die Schwelle zwischen den Welten bewachte und Seherinnen und Schamanen auf ihren Reisen durch «andere Sphären» begleitete.
Für die Schweizer klingt die Silbe «Hel» darüber hinaus im alten Landesnamen «Helvetia» besonders markant an. Hatten die keltischen Helvetier, welche über Jahrhunderte das ganze Gebiet zwischen Boden- und Genfersee bewohnten, eine besondere Beziehung zu dieser Göttin «Hel»? Oder nannten sie ihre lokale Ausprägung der archaischen Erdmuttergöttin gar «Helvetia» oder «Helva»? Auf jeden Fall schwingt in diesen noch nicht enthüllten Zusammenhängen für mich ein tiefes Geheimnis mit, welches einiges über unsere antiken Vorfahren und deren Beziehung zum von ihnen bewohnten Mutterboden aussagen könnte. Wenn die Väter der geistigen Landesverteidigung nach der Gründung des Schweizer Nationalstaats 1848 die Symbolfigur «Helvetia» kreierten (die auch auf heute gebräuchlichen Münzen, beispielsweise dem 50-Rappen-Stück, immer noch abgebildet ist), dann erfanden sie dadurch wohl nichts Neues, sondern hauchten einfach einer längst entschlafenen Landesgöttin aus der keltischen Vorzeit unseres Landes neues Leben ein.
Dass «Helisee» ein verborgenes, ein entrücktes und von magischen Kräften durchdrungenes Reich ist, erhärtet seine Verbindung mit Helheim, dem «lichten Paradies der körperlosen Seelen» aus der germanischen Mythologie.
Und was hat der bekannteste Boulevard der französischen Kapitale Paris damit zu tun, die «Champs Elysées»?
«Les Elysées» bezeichnet im Französischen die «Elysischen Felder», das Jenseitsparadies der Römer, quasi das Pendant zum germanischen «Helheim». «Elysées» auf Französsich liegt also noch viel näher bei «Helisee».
Ein Anderland, eine Parallel-Sphäre, das Reich der Feen und Elbischen, gehütet von geheimnisumwobenen zaubermächtigen und weiblichen Wesenheiten, welchen den Nimbus archaischer Göttinnen verstrahlen. Das sind jene Feenlande «Helisee», welche namensgebend für meine Romanreihe wurden – und die darin beschriebenen Verhältnisse massgeblich prägen.
Mein herzhafter Dank an Albert Jahn, Heinrich Zschokke und Johann Jakob Jenzer, für Eure wegweisenden Impulse aus dem vorletzten Jahrhundert!


