Königin Bertha
Veröffentlicht von Andreas Sommer in Fantasy · 13 März 2026
Königin Bertha
Die mythischen Allüren einer historischen FigurC’était au temps où la reine Berthe filait. Es geschah in jenen Zeiten, als Königin Bertha ihren Faden spann. So begann in der Westschweiz einst manche Märchenerzählung, aber dieselbe Wendung wurde in der Romandie auch gerne herangezogen, wenn man an die goldenen alten Zeiten erinnern wollte. In zahlreichen Sagen vom Berner Oberland bis in das Waadtland spielt die spinnende Königin von Burgund eine tragende Rolle: Da wird sie als behütende Landesmutter beschrieben, als Prüferin der Herzen und als Fürsprecherin der Frauen, der Tiere und der Vernachlässigten.
Bertha hat aber nicht nur in der Erinnerung des Volkes einen unsterblichen Platz errungen, sondern sie hat auch unverkennbare Spuren in Kultur und Geschichte hinterlassen: Nach lokaler Überlieferung soll sie hierzulande zahlreiche Gotteshäuser gestiftet haben: Amsoldingen, Köniz, Rüeggisberg und St. Imier berufen sich beispielsweise allein im Kanton Bern auf eine Stiftung durch die fromme Königin. Auch die zwölf 1000-jährigen Kirchen rund um den Thunersee sollen auf ihr Wirken zurückgehen. In Spiez, Bümpliz, Solothurn, Murten, Orbe, Payerne und Colombier VD sollen ihre Pfalzen gestanden haben, wo sie Hof hielt, wenn sie sich mit ihrem Gefolge durch ihr weitläufiges Reich bewegte. In ihrer Gestalt vermischen sich Historie und Mythos zu einem schillernden Mosaik.
Wer war diese sagenumwobene Herrscherin, welche lange vor der Gründung der Eidgenossenschaft ein Königreich regierte, welches sich von der Reuss im Osten und der Saône und Rhone im Westen bis hinab an die Mündung der Rhone und zu den Gestaden des Mittelmeeres erstreckte? Warum hat sie das Gedächtnis nachfolgender Generationen über Jahrhunderte geprägt wie kaum eine andere hochadlige Frau in unserem Gebiet?
Dem Geschichtsbuch zufolge wurde Bertha um das Jahr 907 als Tochter des rhätischen Herzogs Burkhard II und seiner Gemahlin Reglinde im ostfränkischen Herzogtum Schwaben geboren, welches zu jener Zeit auch die gesamte Schweiz östlich der Reuss umfasste. Ihr Vater stritt lange Jahre mit dem burgundischen König Rudolf II um die Vorherrschaft im Aargau, welcher damals die Einflussgebiete von Burgund und Schwaben trennte. Im Jahr 919 kam es bei Winterthur zur entscheidenden Schlacht, aus welcher Burkhard als Sieger hervorging. Fortan bildete die Reuss die March zwischen den beiden Reichen. Um den Frieden zu sichern, gab der schwäbische Herzog seine Tochter Bertha 922 in die Ehe mit seinem ehemaligen Feind Rudolf (was zu dieser Zeit eine gängige Praxis war, um Herrscherhäuser aneinanderzubinden) – und Bertha kam als alemannisch- und rhätischsprachige junge Frau von knapp 16 Jahren an den burgundischen Hof, wo Frankoprovenzalisch gesprochen wurde, eine Vorform des heutigen Französischen, die sich aus dem Latein entwickelt hatte. Während König Rudolf II weiterhin kriegerischen Ambitionen nachging, zeitweilig die lombardische Königskrone jenseits der Alpen erlangte und gegen die Magyaren (Reitervölker aus der ungarischen Tiefebene, in zeitgenössichen Quellen auch «Hunnen» genannt) ins Feld zog, hütete die zurückbleibende junge Königin das Reich, bewohnte die weit verstreuten ländlichen Pfalzen und gewann – so viel lässt ihre Popularität durchblicken - das Vertrauen ihrer Untertanen. Sie gebar insgesamt vier Kinder: Konrad, Adelheid (oder Adelaide), Burkhard und Rudolf. Als ihr Gemahl im Jahr 937 starb (aus Gründen, welche keine Chronik benennt), warb der mächtige König Hugo von Arles, welcher südlich der Alpen in der Lombardei herrschte, um ihre Hand, und sie ehelichte ihn bereits im Dezember desselben Jahres in Lausanne, um danach nach Pavia zu ziehen. Sie wird dies kaum aus Liebe getan haben, sondern vielmehr aus Sorge um den Fortbestand ihres Reiches, denn der legitime Nachfolger des verstorbenen Königs war damals noch ein Knabe und nicht regimentsfähig. Deshalb gab sie sich zusammen mit dem Geschick Burgunds in die Hand des Lombarden. In ihrer zweiten Ehe scheint sie sehr unglückliche Jahre verlebt zu haben, denn Hugo war angeblich ein ausgemachter Lebemann und hatte nicht nur mehrere Ehefrauen gleichzeitig, sondern unterhielt in seinem Palast auch zahlreiche Konkubinen. Je nach Quelle liess sich Bertha daraufhin wieder von ihm scheiden (um das Jahr 941 herum) und kehrte als Königinmutter Burgunds in die Westschweiz zurück - oder sie erduldete ihr ungnädiges Schicksal in Oberitalien bis zu Hugos Tod 947, ehe sie über die Alpen an den Hof des frisch vereidigten neuen Königs von Burgund, ihres Sohnes Konrad, heimkehrte. Ihre späten Jahre scheinen etwas ruhiger verlaufen zu sein. Sie gründete unter anderem Kirche und Kloster Payerne, stand ihrem Sohn bei dessen Regierungsgeschäften mit Rat und Tat zur Seite, und starb um das Jahr 961 in der Westschweiz, wo sie sich den Schriften zufolge stets am liebsten aufgehalten hatte. König Otto von Ostfranken, ihr späterer Schwiegersohn, erhob sie zur Äbtissin des Klosters Erstein im heutigen Elsass, wo sie bis zu ihrem Tod verblieb. Ihr offizielles Grab befindet sich jedoch in der Stiftskirche Payerne, wobei moderne Historiker dessen Authentizität immer wieder in Zweifel ziehen.
Während Berthas Erstgeborener Konrad das burgundische Königreich ganze 52 Jahre lang regierte (eine unglaubliche Regentschaftszeit für damalige Verhältnisse), wurde ihre Tochter Adelheid / Adelaide später dem ruhmreichen König Otto I (dem legendären Bezwinger der Magyaren auf dem Lechfeld und späteren Kaiser Otto dem Grossen) in die Ehe gegeben und brachte es bis zur Kaiserin des Heiligen Römischen Reiches. Obwohl die Ägide des Königreiches Burgund kaum 100 Jahre später zu Ende ging (das Reichsgebiet wurde dem Heiligen Römischen Reich einverleibt) prägten Berthas und Rudolfs Nachfahren weiterhin die Geschichte Mitteleuropas.
Die Vita der sagenhaften Königin Bertha unterscheidet sich somit wenig von den Schicksalsgeschichten vergleichbarer Monarchinnen ihrer Zeit. Doch welche Umstände verliehen ihr jene unvergleichliche Bedeutung, die sie nicht nur zu einer grossmütigen Landesmutter, sondern auch zu einer frommen Kirchenstifterin und zu einer engagierten Kämpferin für die Rechte der Frauen erhob? Und wie kam der Volksmund dazu, ihr jene legendäre Spindel in die Hand zu geben, welche sie der Überlieferung zufolge selbst im Sattel und auf dem Thron niemals ablegte?
Die historische Bertha von Burgund scheint über eine Ausstrahlung verfügt zu haben, welche sie deutlich von anderen Herrscherinnen des ausklingenden Frühmittelalters abhob. Davon verkünden die zeitgenössischen Chroniken nichts, doch dafür die landläufigen Sagen umso mehr:
· Am Thunersee soll Bertha ihren berühmten Traum geträumt haben, worin sie über dem Wendelsee (dem damaligen Thunersee) das zwölftorige himmlische Jerusalem erblickte, und woraus sie die Mission ableitete, rund um den See zwölf Kirchen zu stiften (die heute noch allesamt bestehen...).
· In Solothurn soll sie nach dem verheerenden Einfall der Magyaren («Hunnen») die Kirche zu Ehren der thebäischen Märtyrer unter Sankt Ursus neu errichtet haben. Bei der Verteidigung der Stadt gegen die Beutereiter seien ihr die neben der Stephanskirche begrabenen Ahnen als kämpfende Totengeister zu Hilfe gekommen.
· In Düdingen habe sie einen rasenden Auerochsen mit drei Speerwürfen zur Strecke gebracht, und an jener Stelle habe sie als Dank für die erfolgreiche Jagd daraufhin eine Kirche erbauen lassen (noch eine Kirche im Land, die sich auf diese Frau beruft…)
· In Féchy wird die Königin 937 auf ihrer Hochzeitsfahrt nach Colombier (wo sie Hugo von Arles ehelichen soll) von Banditen überfallen. Holzfäller aus zwei benachbarten Dörfern eilen ihr zu Hilfe und als Dank für ihre Rettung schenkt die Königin den mutigen Landleuten einen ganzen Wald in der Region, der heute noch «Le bois des brigands» (Banditenwald) genannt wird.
· Im ganzen Waadtland berichtete die ländliche Bevölkerung noch im 19. Jahrhundert, dass la reine Berthe jeweils in der Zeit der Wintersonnenwende und während der Raunächte mit ihrem Gefolge, welches sich gleichermassen aus geisterhaftem Hofgesinde und elbischem Volk zusammensetzte, nachts über Land ritt, um Höfe und Ställe zu inspizieren, fleissige Bäuerinnen zu belohnen und Faule und Nachlässige zu ermahnen oder gar zu strafen.
· Auf dem Turm von Gourze am Jorat bei Lausanne streue die gute Königin jeweils in den heiligen Nächten zwischen den Jahren mit voller Futterschwinge Körner in die umliegende Landschaft, um eine fruchtbare Saat für das kommende Jahr zu gewähren.
Nur, um einige Beispiele zu nennen...
Anhand derartiger Sagen wird ersichtlich, dass die verstorbene Königin Bertha in der Vorstellung des einfachen Volkes nach und nach jene Rolle einnahm, welche in vorchristlicher Zeit der Erdmuttergöttin zugeschrieben worden war – nämlich die Rolle einer Hüterin und Bewahrerin, einer Trösterin und Wohltäterin – und nicht zuletzt einer Spenderin von Frieden und Fruchtbarkeit. In anderen deutschen Landen war es die Frau Holle oder die Percht, welche im Winter segnend über Äcker und Fluren zog, die Seelen der kürzlich Verstorbenen in ihre Obhut nahm und die Tüchtigkeit der Bauern und Hirten prüfte. Nicht nur dem Namen nach (Bertha – Perchta – Percht… !), sondern auch aufgrund ihrer Gesinnung und ihrer Handlungen stieg die burgundische Königin demnach in den Status einer mythischen Schutzherrin für das ganze Land auf. Die historische Gestalt verbrämte sich mit einer reaktivierten archaischen Landesgöttin.
Zu dieser Position passt das Attribut der Spindel vorzüglich. In allen alten Mythologien Europas werden die Schicksalsgöttinnen als Spinnerinnen dargestellt. Von den Germanen kennen wir die drei Nornen, wovon die Jungfräuliche den Faden spinnt, die Mütterliche ihn bemisst und die Alte ihn zuletzt abschneidet. Auch Frau Holle und die bayrisch-tirolische Percht legten grossen Wert auf die Fertigkeit des Spinnens und belohnten entsprechende Tugenden fürstlich. Denn wer den Faden spann, hatte ihn wortwörtlich in der Hand - und wusste somit sein eigenes Schicksal zu lenken.
Wenn der Königin Bertha nachgesagt wird, dass sie allzeit mit schwingender Handspindel über Land ritt und die Frauen streng dazu anhielt, dieses Handwerk in Ehren zu halten und ernsthaft zu pflegen, dann betrieb sie dadurch wohl mehr als blosse Volksbildung. Gewiss war es von erheblichem Nutzen, Textilfasern zu Garn verdrillen zu können, um daraus später Tuch zu weben, doch in der symbolischen Übertragung lehrte Bertha ihre Untertaninnen, die Schicksalsfäden ihrer Sippen in die Hand zu nehmen und sich mithin ihrer weiblichen Macht und Magie bewusst zu machen. Genau dies tat die Frau Holle im Märchen, wenn sie ihren Schutzbefohlenen (die fast immer junge Frauen und Mädchen waren) die Kunst des Spinnens beibrachte.
Ein abschliessendes Beispiel aus dem heimischen Sagenschatz mag diesen Zusammenhang verdeutlichen. Da ich diese Westschweizer Sage in den ersten Band meiner Helisee-Saga eingebunden habe, zitiere ich im Folgenden den Originaltext aus dem Roman:
«In Grahârz erzählt man sich von einem Bauernmädchen aus armem Hause, welches vortrefflich mit Handspindel und Wirtel umzugehen wusste und einen gar köstlichen Faden spann. Als die Königin einst auf ihrem Schimmel über Land ritt, um sich von Freuden und Leiden ihrer Untertanen ein Bild zu verschaffen, kam sie an der armseligen Câla dieses Mädchens vorbei. Lange Zeit habe sie schweigend im Sattel gesessen und die Handfertigkeit des Bauernkindes bewundert. Das Mädchen liess sich nicht beirren und leerte seine Kunkel. Als es aufgehaspelt hatte, reichte es der Königin das gesponnene Garn und schenkte es ihr. Diese Geste habe Berthas Herz so berührt, dass sie zu dem Kind sprach: <Morgen sollst du einen neuen Faden spinnen, vom ersten Hahnenschrei bis zum Sonnenuntergang. Alles Land, das du hernach mit diesem Faden von der Schwelle deines Elternhauses aus umspannen kannst, will ich dir und deiner Sippe als Gabe zuerkennen. Und darüber hinaus spreche ich deine Familie frei. Solch tüchtige Leute wie euresgleichen sollen Herr ihrer selbst sein.> Wer sonst als jemand, der mit seinem Herzen und dem Geist des Landes im Einklang ist, könnte ein solches Urteil verkünden?» (aus: Helisee – Der Ruf der Feenkönigin, S. 140/141).
Die Figur der guten Königin Bertha macht mir Eindruck. Nicht nur ihr irdisches Leben, soweit es aufgrund der verfügbaren Aufzeichnungen heute noch nachvollziehbar ist, sondern auch der aussergewöhnliche Prozess der Mythisierung, welchen sie im Lauf der Jahrhunderte durchlaufen hat. Ihr Beispiel belegt deutlich, dass die Menschen stets an ihrem Glauben in eine wohlwollende weibliche Macht festgehalten haben, welche dem Land, dem Boden, der Gemeinschaft ihren Segen bringt und über sie wacht. Auch die Christianisierung mit ihrer Etablierung eines allmächtigen männlichen Vatergottes hat nichts an dieser tragenden Gewissheit, welche seit jeher in der Volksseele verankert war, ändern können. Die Garantie von Frieden, Fruchtbarkeit und Wohlergehen wurde stets durch eine weiblich mütterliche Wesenheit verkörpert, wie sie dem zeitlosen Archetyp der «Grossen Mutter» entspricht.
Bei der Entwerfung der Helisee-Saga beziehe ich mich oft auch solche machtvollen weiblichen Figuren, welche die Schicksalsfäden spinnen. Im Falle der Feenkönigin Helva und ihrer Schwestern haben sie eindeutig einen mythisch-andersweltlichen Ursprung, doch mit der Figur der Königin Bertha versuche ich diesen fürsorglich weiblichen Qualitäten – welche für das Fortbestehen jeglichen Gemeinlebens unabdingbar sind - auch in der menschlichen Sphäre einen festen Platz einzuräumen.
In diesem Sinne möge jene Ära, «da die gute Königin Bertha ihren Faden spinnt», zeitlos andauern, solange Menschen unser Land bewohnen, denn die Magie der weiblichen Kraft hat auch 1000 Jahre nach dem Verdämmern des Königreiches Burgund nichts von ihrer wegweisenden Bedeutung verloren.


