Magie und Mysterien des Seelandes
Veröffentlicht in Fantasy · 22 Mai 2026
Magie und Mysterien des Seelandes
Der
dritte Band der Helisee-Saga führt in eine neue Region
1940
schrieb Pierre Chessex in Légendes et récits du pays broyard: «Zur Zeit der
Morgenröte der Welt war der Vully ein wundervolles kleines Land (…), bedeckt
von Gärten und Obstanlagen, wo man immer in der Saison gleichzeitig die Bäume
blühen und die Früchte reifen sah. Zu dieser Zeit existierte die Ebene des
Seelandes noch nicht. Die Seen von Neuenburg, Biel und Murten bildeten einen
einzigen grossen See, der bis zum Mormont reichte. Der Murtensee selber
erstreckte sich bin in die Umgebung von Payerne, das heisst , über die ganze Region,
in der sich heute die schöne Ebene von Avenches befindet (…)»
Die
lokale Sagenüberlieferung malt uns das Bild eines einzigen grossen Sees,
in dem sich die heutigen Hügel des Seelandes wie ein malerischer Archipel,
umgeben von windgekräuseltem Wasserblau, erheben. In geschichtlicher Zeit ist
zwar bereits von drei separaten Seeflächen die Rede, aber das ganze Gebiet
darum herum blieb noch lange eine unwegsame und fieberverseuchte Sumpfwildnis,
welche immer wieder temporär überschwemmt wurde. Erst durch die
Juragewässerkorrektion im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde das gesamte Gelände
mit gewaltigem Aufwand systematisch trockengelegt und bildet heute mit seiner
fruchtbaren schwarzen Torferde die ausgedehnteste Gemüsebaufläche der Schweiz.
Wenig ist vom Gepräge des ursprünglichen Schwemmlandes geblieben, doch gibt es
nach wie vor geheimnisvolle Winkel und verschwiegene Ecken im Gebiet der drei
Seen: Zum Beispiel die Petersinsel (Bild oben), die Teufelsbürde auf dem
Jolimont, den Schallenstein bei Ins (Bild unten), den Mont Vully mit seinem
sagenumwobenen Drehstein und viele andere. Im Zuge meiner Recherchen in der
Region ist mir klargeworden: Das Drei-Seen-Land weist trotz aller Entzauberung
des Industriezeitalters noch heute eine besondere Ausstrahlung auf. Das
Wässerige ist allgegenwärtig, und die topografische Gliederung der Landschaft
mit ihren im Dreieck angeordneten Seen und den markanten Hügeln dazwischen und
darum herum schafft einen einzigartigen Raum. In einen grösseren Zusammenhang
gerückt erscheint diese sanft geformte und weich in die Ebene eingebettete
Landschaft mit ihren Wasserflächen und Kanälen wie ein weiblicher Gegenpol zu
den schroffen, himmelstrebenden und männlich geprägten Formen der Alpengipfel,
welche von erhöhten Stellen des Seelandes in südlicher Richtung bei klaren Sichtverhältnissen
gut einzusehen sind.
Für
den dritten Teil der Helisee-Saga «Das Lied des Mondvogels» habe ich mich daran
gemacht, die Magie und die Mysterien dieser Region in die Erzählung
einzubinden. Geografisch liegt dies im wahrsten Wortsinne nahe, denn die
Dreiseenlande schliessen westlich nahtlos an das Üechtland (Nuithônia) an und
gehören zur Zeit der Romanhandlung (im 10. Jahrhundert) ebenso zum Königreich
Burgund (im Roman Birgunt) wie das Berner Mittelland, das Oberland und der
Jura.
In
«Das Lied des Mondvogels» verlässt Ernestus zeitweilig Nuithônia und tritt in
die Dienste der Königin Bertha ein. An ihrer Seite reist er bis auf die Pfalz
von Columbâris/Colombier am Genfersee, wo sich das königliche Heer unter
Rodolphus dem Zweiten zum blutigen Schlag gegen die maurischen Eindringlinge
sammelt. Im Gegensatz zum realen aktuellen Weltgeschehen greifen in meiner
Erzählung wohlwollende Feenmächte in die gewaltsame Auseinandersetzung ein und
bewirken Unvorstellbares.
Im späteren
Verlauf der Geschichte muss Ernestus vom königlichen Hof fliehen und irrt durch
die Sümpfe. Dort bringe ich ihn in Kontakt mit den magischen Seiten des
Seelandes, wie sie uns noch bis zum heutigen Tag im Naturerleben oder aus
Sagenfragmenten entgegentreten können, mit Irrlichtern, Sumpfgeistern und Nixen.
Unter anderem verschlägt es ihn auf die Petersinsel, welche zur damaligen Zeit
noch vollständig von Wasser umschlossen ist (die heutige Landbrücke zum Südufer
wurde erst durch die künstliche Seespiegelsenkung im 19. Jahrhundert hergestellt).
Mönche in einem kleinen Kloster aus der Karolingerzeit geben dem jungen
Abenteurer einen Einblick in die Geschichte dieses aussergewöhnlichen Fleckens
Erde und berichten ihm auch von der Bedeutung, welche die Insel einst für die
keltischen Helvetier hatte. Diese bestatteten auf dem Eiland nämlich ihre
Fürsten und Würdenträger, weil sie davon ausgingen, dass ein Teil der Insel
bereits im «Land der Seligen» lag und die Seelen der Verstorbenen dadurch
leichter auf die «andere Seite», also in das Reich der Götter, gelangen
konnten. Die keltische Mythologie ist voller Überlieferungen von mythischen
Inseln im Westen, auf denen die Dahingegangenen nach ihrem Tod einkehren.
Lokale Altertumsforscher haben die Petersinsel auch schon das «helvetische
Avalon» genannt, in Anlehnung an jene legendäre Insel in Cornwall (Südengland),
auf welche der grosse König Artus nach seinem Ableben angeblich entrückt wurde.
In mittelalterlichen Quellen wird die Insel im Bielersee auf Lateinisch auch Insula
Comitium genannt. Die Historiker pflegen dies gemeinhin als «Insel der
Grafen» zu übersetzen (mit der Erklärung, dass dort in alter Zeit eben die
Grafen beigesetzt worden seien), doch kann diese Bezeichnung auch «Insel der
Gefährten» oder «Insel des Geleits» heissen. Im Zusammenhang mit der
Vorstellung, dass dieses kleine Eiland quasi eine Schwelle in das
andersweltliche Jenseits-Paradies beherbergte, darf dieser mehrdeutige alte
Name also durchaus auch in einem anderen Sinne verstanden werden.
Nachfolgend
ein kurzer themenbezogener Auszug aus dem Manuskript des noch
unveröffentlichten dritten Helisee-Romans, worin die Petersinsel Sancta
Bertrâdis genannt wird:
«Sancta Bertrâdis ist nach der Mutter
des Erzherrschers Karolus benannt», erklärte Bruder Frômondus, während Ernestus
behutsam den dampfenden Getreidebrei in seinen hungrigen Schlund
hineinlöffelte. Er lehnte mit dem Rücken gegen die Bretterwand der kleinen
Gästekammer, in der er untergebracht war. Durch ein schmales Fenster, dessen
Laden offenstand, blickte er auf eine bleigraue Wasserfläche hinaus, hinter der
sich im Dunst vage die Umrisse eines bewaldeten Hügelrückens abzeichneten.
«Bertrâdis von Laudânum hatte kein einfaches Los. Nach dem Tod ihres Gemahls –
es war dies kein Geringerer als König Pippîn, der aufgrund seiner
Kleinwüchsigkeit von bösen Zungen auch der Zwerg genannt wurde - mühte sie sich
nach Kräften, ihre zerstrittenen Söhne Karolus und Karolmânus miteinander zu
versöhnen. Die beiden waren nämlich beide bereits etliche Jahre zuvor, noch zu
Lebzeiten ihres Vaters, zeitgleich zu Königen gesalbt worden und hatten das
riesige Regnum Francorum nun unter sich aufgeteilt; doch missgönnten sie einander
jeden Fussbreit Land und lagen ständig in Fehde miteinander. Da hat Bertrâdis
die beiden Streithähne auf diese Insel in den Wassern des Sees Bellinde - den
die Heiden nach einer ihrer alten Göttinnen auch Beledûn nennen – vorgeladen.
Hier besassen bereits die Könige der vergangenen Helvêten ihre Grablege – und
nach ihnen wurden noch jahrhundertelang zahlreiche Grafen in Christo aus den
altvorderen Edelgeschlechtern Transjôraniens in der heiligen Erde dieses
Eilandes bestattet. Deshalb heisst dieser Ort von alters her auch die Anfurt
der Könige. Die Heiden nennen sie hingegen Ennis Barân, was in ihrer alten
Sprache wohl etwas Ähnliches bedeutet.» Der alte Mönch beschrieb eine
bedeutungsvolle Geste zum Fenster hin, als wolle er damit die gesamte Landschaft
draussen umfassen. «Es ist dies jedenfalls ein besonderer Ort zwischen Erde,
Luft und Wasser, gewissermassen der geweihte Nabel des Lûchlandes. Bertrâdis
wusste vermutlich, dass die Menschen in diesem Landstrich seit jeher glaubten,
den Seelen der Verstorbenen gelänge es von hier aus leichter, zu den
himmlischen Gefilden aufzusteigen. Deshalb verlangten die Grossen der
altvorderen Tage auch eifrig danach, in der Erde dieser Insel beigesetzt zu
werden. Auf jeden Fall hoffte die Königsmutter, dass die besondere Lage und die
unvergleichliche Schönheit dieses gesegneten Eilandes die Macht aufbrächten,
ihre Söhne zur Vernunft zu bringen. Karolus und Karolmânus gelobten sich
tatsächlich ewigliche Treue und Frieden, als sie hier mit ihrer betagten Mutter
zu Rate sassen.»
Auch
einer der zahlreichen Findlinge aus dem Umfeld der Petersinsel kommt im Zuge
von Ernestus’ Besuch auf der Seeinsel zum Tragen: Es ist der sogenannte
Melusinenstein, auf dem sich in gewissen Nächten die Wasserfrauen oder Nixen
(eben die Melusinen) einfinden.
Ein
anderer Kultstein des Seelandes, der sogenannte Schallenstein bei Ins, spielt
im dritten Teil der Helisee-Saga ebenfalls eine bedeutende Rolle, denn bei ihm ereignet
sich eine Schlüsselszene, in der Ernestus eine wegweisende Erkenntnis
zuteilwird.
Der
dritte Romanteil macht abgesehen davon etliche weitere Anspielungen auf
sagenhafte Örtlichkeiten und Überlieferungen der Region. So z.B. auf die
«Teufelsbürde» vom Jolimont südlich von Erlach, auf die Menhire von Yverdon
oder auf die eingangs erwähnte Mythe, wonach das ganze Seeland in legendärer
Vorzeit ein einziger See mit darin verstreuten Hügelinseln gewesen sei.
Was
mich bei der Arbeit am Helisee-Zyklus immer wieder fasziniert, ist die
Tatsache, dass ich mich bei der Recherche ganz konkret mit Landschaften vor der
Haustür auseinandersetzen kann. Auf Wanderschaft frage ich mich dann oft: Wie
mag es hier vor 1100 Jahren ausgesehen haben. Wie fühlte sich dieser Landstrich
an? Welche Geräusche erfüllten ihn? Welche Gerüche durchwoben seine Luft? Wer
wohnte hier und welche Rolle spielten die Menschen im Gefüge der hier
heimischen Wesen?
Wenn
ich die Sagen der jeweiligen Gegend studiere, drängen sich natürlich weiterführende
Fragen auf: Wie wurden diese Geschichten ursprünglich erzählt? Welche Aspekte
der damaligen Lebenswirklichkeit griffen sie auf? Und wie haben sie sich
seither durch die jahrhundertelange Tradierung gewandelt?
Beim
Schreiben von «Das Lied des Mondvogels» habe ich auch das Drei-Seen-Land, in
welchem ich mich von Kindsbeinen auf immer wieder sporadisch aufgehalten habe,
neu kennenlernen dürfen.
Nun bin
ich gespannt, welchen Zugang zu dieser Gegend Ernestus’ neue Abenteuer für
meine Leserinnen und Leser eröffnen werden…
Helisee
Band III «Lied des Mondvogels» befindet sich in der Zielgeraden. Im Mai wird
das Manuskript gesetzt und gelayoutet. Die Veröffentlichung ist für September
geplant. In den kommenden Blog-Beiträgen werde ich weitere Einblicke in die
bevorstehende Fortsetzung der Saga gewähren und entsprechende Hintergründe
beleuchten.
Im
Zuge der Buchvorstellung im Herbst wird es auch Lesewanderungen zu
Originalschauplätzen des neuen Bandes geben, auf denen ich unterwegs an
einzelnen Stationen über das Buch und seine Hintergründe berichte - und
natürlich Auszüge daraus am «Originalschauplatz» vorlese. Eine Verbindung von
Buchpräsentation, Sagenwanderung und Naturerlebnis gewissermassen. Einer dieser
Anlässe wird auf die Petersinsel führen. Mehr dazu demnächst auf dieser
Website.




