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Magie und Mysterien des Seelandes

Helisee - Die Welt von Andreas Sommer
Veröffentlicht in Fantasy · 22 Mai 2026
Magie und Mysterien des Seelandes
Der dritte Band der Helisee-Saga führt in eine neue Region
1940 schrieb Pierre Chessex in Légendes et récits du pays broyard: «Zur Zeit der Morgenröte der Welt war der Vully ein wundervolles kleines Land (…), bedeckt von Gärten und Obstanlagen, wo man immer in der Saison gleichzeitig die Bäume blühen und die Früchte reifen sah. Zu dieser Zeit existierte die Ebene des Seelandes noch nicht. Die Seen von Neuenburg, Biel und Murten bildeten einen einzigen grossen See, der bis zum Mormont reichte. Der Murtensee selber erstreckte sich bin in die Umgebung von Payerne, das heisst , über die ganze Region, in der sich heute die schöne Ebene von Avenches befindet (…)»
Die lokale Sagenüberlieferung malt uns das Bild eines einzigen grossen Sees, in dem sich die heutigen Hügel des Seelandes wie ein malerischer Archipel, umgeben von windgekräuseltem Wasserblau, erheben. In geschichtlicher Zeit ist zwar bereits von drei separaten Seeflächen die Rede, aber das ganze Gebiet darum herum blieb noch lange eine unwegsame und fieberverseuchte Sumpfwildnis, welche immer wieder temporär überschwemmt wurde. Erst durch die Juragewässerkorrektion im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde das gesamte Gelände mit gewaltigem Aufwand systematisch trockengelegt und bildet heute mit seiner fruchtbaren schwarzen Torferde die ausgedehnteste Gemüsebaufläche der Schweiz. Wenig ist vom Gepräge des ursprünglichen Schwemmlandes geblieben, doch gibt es nach wie vor geheimnisvolle Winkel und verschwiegene Ecken im Gebiet der drei Seen: Zum Beispiel die Petersinsel (Bild oben), die Teufelsbürde auf dem Jolimont, den Schallenstein bei Ins (Bild unten), den Mont Vully mit seinem sagenumwobenen Drehstein und viele andere. Im Zuge meiner Recherchen in der Region ist mir klargeworden: Das Drei-Seen-Land weist trotz aller Entzauberung des Industriezeitalters noch heute eine besondere Ausstrahlung auf. Das Wässerige ist allgegenwärtig, und die topografische Gliederung der Landschaft mit ihren im Dreieck angeordneten Seen und den markanten Hügeln dazwischen und darum herum schafft einen einzigartigen Raum. In einen grösseren Zusammenhang gerückt erscheint diese sanft geformte und weich in die Ebene eingebettete Landschaft mit ihren Wasserflächen und Kanälen wie ein weiblicher Gegenpol zu den schroffen, himmelstrebenden und männlich geprägten Formen der Alpengipfel, welche von erhöhten Stellen des Seelandes in südlicher Richtung bei klaren Sichtverhältnissen gut einzusehen sind.
Für den dritten Teil der Helisee-Saga «Das Lied des Mondvogels» habe ich mich daran gemacht, die Magie und die Mysterien dieser Region in die Erzählung einzubinden. Geografisch liegt dies im wahrsten Wortsinne nahe, denn die Dreiseenlande schliessen westlich nahtlos an das Üechtland (Nuithônia) an und gehören zur Zeit der Romanhandlung (im 10. Jahrhundert) ebenso zum Königreich Burgund (im Roman Birgunt) wie das Berner Mittelland, das Oberland und der Jura.
In «Das Lied des Mondvogels» verlässt Ernestus zeitweilig Nuithônia und tritt in die Dienste der Königin Bertha ein. An ihrer Seite reist er bis auf die Pfalz von Columbâris/Colombier am Genfersee, wo sich das königliche Heer unter Rodolphus dem Zweiten zum blutigen Schlag gegen die maurischen Eindringlinge sammelt. Im Gegensatz zum realen aktuellen Weltgeschehen greifen in meiner Erzählung wohlwollende Feenmächte in die gewaltsame Auseinandersetzung ein und bewirken Unvorstellbares.
Im späteren Verlauf der Geschichte muss Ernestus vom königlichen Hof fliehen und irrt durch die Sümpfe. Dort bringe ich ihn in Kontakt mit den magischen Seiten des Seelandes, wie sie uns noch bis zum heutigen Tag im Naturerleben oder aus Sagenfragmenten entgegentreten können, mit Irrlichtern, Sumpfgeistern und Nixen. Unter anderem verschlägt es ihn auf die Petersinsel, welche zur damaligen Zeit noch vollständig von Wasser umschlossen ist (die heutige Landbrücke zum Südufer wurde erst durch die künstliche Seespiegelsenkung im 19. Jahrhundert hergestellt). Mönche in einem kleinen Kloster aus der Karolingerzeit geben dem jungen Abenteurer einen Einblick in die Geschichte dieses aussergewöhnlichen Fleckens Erde und berichten ihm auch von der Bedeutung, welche die Insel einst für die keltischen Helvetier hatte. Diese bestatteten auf dem Eiland nämlich ihre Fürsten und Würdenträger, weil sie davon ausgingen, dass ein Teil der Insel bereits im «Land der Seligen» lag und die Seelen der Verstorbenen dadurch leichter auf die «andere Seite», also in das Reich der Götter, gelangen konnten. Die keltische Mythologie ist voller Überlieferungen von mythischen Inseln im Westen, auf denen die Dahingegangenen nach ihrem Tod einkehren. Lokale Altertumsforscher haben die Petersinsel auch schon das «helvetische Avalon» genannt, in Anlehnung an jene legendäre Insel in Cornwall (Südengland), auf welche der grosse König Artus nach seinem Ableben angeblich entrückt wurde. In mittelalterlichen Quellen wird die Insel im Bielersee auf Lateinisch auch Insula Comitium genannt. Die Historiker pflegen dies gemeinhin als «Insel der Grafen» zu übersetzen (mit der Erklärung, dass dort in alter Zeit eben die Grafen beigesetzt worden seien), doch kann diese Bezeichnung auch «Insel der Gefährten» oder «Insel des Geleits» heissen. Im Zusammenhang mit der Vorstellung, dass dieses kleine Eiland quasi eine Schwelle in das andersweltliche Jenseits-Paradies beherbergte, darf dieser mehrdeutige alte Name also durchaus auch in einem anderen Sinne verstanden werden.
Nachfolgend ein kurzer themenbezogener Auszug aus dem Manuskript des noch unveröffentlichten dritten Helisee-Romans, worin die Petersinsel Sancta Bertrâdis genannt wird:
«Sancta Bertrâdis ist nach der Mutter des Erzherrschers Karolus benannt», erklärte Bruder Frômondus, während Ernestus behutsam den dampfenden Getreidebrei in seinen hungrigen Schlund hineinlöffelte. Er lehnte mit dem Rücken gegen die Bretterwand der kleinen Gästekammer, in der er untergebracht war. Durch ein schmales Fenster, dessen Laden offenstand, blickte er auf eine bleigraue Wasserfläche hinaus, hinter der sich im Dunst vage die Umrisse eines bewaldeten Hügelrückens abzeichneten. «Bertrâdis von Laudânum hatte kein einfaches Los. Nach dem Tod ihres Gemahls – es war dies kein Geringerer als König Pippîn, der aufgrund seiner Kleinwüchsigkeit von bösen Zungen auch der Zwerg genannt wurde - mühte sie sich nach Kräften, ihre zerstrittenen Söhne Karolus und Karolmânus miteinander zu versöhnen. Die beiden waren nämlich beide bereits etliche Jahre zuvor, noch zu Lebzeiten ihres Vaters, zeitgleich zu Königen gesalbt worden und hatten das riesige Regnum Francorum nun unter sich aufgeteilt; doch missgönnten sie einander jeden Fussbreit Land und lagen ständig in Fehde miteinander. Da hat Bertrâdis die beiden Streithähne auf diese Insel in den Wassern des Sees Bellinde - den die Heiden nach einer ihrer alten Göttinnen auch Beledûn nennen – vorgeladen. Hier besassen bereits die Könige der vergangenen Helvêten ihre Grablege – und nach ihnen wurden noch jahrhundertelang zahlreiche Grafen in Christo aus den altvorderen Edelgeschlechtern Transjôraniens in der heiligen Erde dieses Eilandes bestattet. Deshalb heisst dieser Ort von alters her auch die Anfurt der Könige. Die Heiden nennen sie hingegen Ennis Barân, was in ihrer alten Sprache wohl etwas Ähnliches bedeutet.» Der alte Mönch beschrieb eine bedeutungsvolle Geste zum Fenster hin, als wolle er damit die gesamte Landschaft draussen umfassen. «Es ist dies jedenfalls ein besonderer Ort zwischen Erde, Luft und Wasser, gewissermassen der geweihte Nabel des Lûchlandes. Bertrâdis wusste vermutlich, dass die Menschen in diesem Landstrich seit jeher glaubten, den Seelen der Verstorbenen gelänge es von hier aus leichter, zu den himmlischen Gefilden aufzusteigen. Deshalb verlangten die Grossen der altvorderen Tage auch eifrig danach, in der Erde dieser Insel beigesetzt zu werden. Auf jeden Fall hoffte die Königsmutter, dass die besondere Lage und die unvergleichliche Schönheit dieses gesegneten Eilandes die Macht aufbrächten, ihre Söhne zur Vernunft zu bringen. Karolus und Karolmânus gelobten sich tatsächlich ewigliche Treue und Frieden, als sie hier mit ihrer betagten Mutter zu Rate sassen.»
Auch einer der zahlreichen Findlinge aus dem Umfeld der Petersinsel kommt im Zuge von Ernestus’ Besuch auf der Seeinsel zum Tragen: Es ist der sogenannte Melusinenstein, auf dem sich in gewissen Nächten die Wasserfrauen oder Nixen (eben die Melusinen) einfinden.
Ein anderer Kultstein des Seelandes, der sogenannte Schallenstein bei Ins, spielt im dritten Teil der Helisee-Saga ebenfalls eine bedeutende Rolle, denn bei ihm ereignet sich eine Schlüsselszene, in der Ernestus eine wegweisende Erkenntnis zuteilwird.
Der dritte Romanteil macht abgesehen davon etliche weitere Anspielungen auf sagenhafte Örtlichkeiten und Überlieferungen der Region. So z.B. auf die «Teufelsbürde» vom Jolimont südlich von Erlach, auf die Menhire von Yverdon oder auf die eingangs erwähnte Mythe, wonach das ganze Seeland in legendärer Vorzeit ein einziger See mit darin verstreuten Hügelinseln gewesen sei.
Was mich bei der Arbeit am Helisee-Zyklus immer wieder fasziniert, ist die Tatsache, dass ich mich bei der Recherche ganz konkret mit Landschaften vor der Haustür auseinandersetzen kann. Auf Wanderschaft frage ich mich dann oft: Wie mag es hier vor 1100 Jahren ausgesehen haben. Wie fühlte sich dieser Landstrich an? Welche Geräusche erfüllten ihn? Welche Gerüche durchwoben seine Luft? Wer wohnte hier und welche Rolle spielten die Menschen im Gefüge der hier heimischen Wesen?
Wenn ich die Sagen der jeweiligen Gegend studiere, drängen sich natürlich weiterführende Fragen auf: Wie wurden diese Geschichten ursprünglich erzählt? Welche Aspekte der damaligen Lebenswirklichkeit griffen sie auf? Und wie haben sie sich seither durch die jahrhundertelange Tradierung gewandelt?
Beim Schreiben von «Das Lied des Mondvogels» habe ich auch das Drei-Seen-Land, in welchem ich mich von Kindsbeinen auf immer wieder sporadisch aufgehalten habe, neu kennenlernen dürfen.
Nun bin ich gespannt, welchen Zugang zu dieser Gegend Ernestus’ neue Abenteuer für meine Leserinnen und Leser eröffnen werden…
Helisee Band III «Lied des Mondvogels» befindet sich in der Zielgeraden. Im Mai wird das Manuskript gesetzt und gelayoutet. Die Veröffentlichung ist für September geplant. In den kommenden Blog-Beiträgen werde ich weitere Einblicke in die bevorstehende Fortsetzung der Saga gewähren und entsprechende Hintergründe beleuchten.
Im Zuge der Buchvorstellung im Herbst wird es auch Lesewanderungen zu Originalschauplätzen des neuen Bandes geben, auf denen ich unterwegs an einzelnen Stationen über das Buch und seine Hintergründe berichte - und natürlich Auszüge daraus am «Originalschauplatz» vorlese. Eine Verbindung von Buchpräsentation, Sagenwanderung und Naturerlebnis gewissermassen. Einer dieser Anlässe wird auf die Petersinsel führen. Mehr dazu demnächst auf dieser Website.









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